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17.05.2012

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Tschechien: Das geliebte "Kernkraftwerkchen" von Temelin
Atomkraft in Tschechien

Das geliebte "Kernkraftwerkchen" von Temelin

Freiwillig in der Nähe eines Atomkraftwerks leben? In Deutschland käme wohl kaum jemand auf diesen Gedanken. Ganz anders im tschechischen Temelin. Die Bewohner des Ortes lieben ihr AKW. Der Betreiberkonzern CEZ bietet nicht nur Arbeitsplätze, sondern finanziert auch Sportvereine und Sozialprojekte.

Von Stefan Heinlein, ARD Prag

Der Hofhund stört die Mittagsruhe in Temelin. Nur wenige Autos fahren auf der neuen schmalen Asphaltstraße. Im Zentrum des 300-Seelen-Dorfes liegt die Gastwirtschaft. Über der Eingangstür leuchtet grell orange das Logo von CEZ. Der Energiekonzern hat den Saal der Kneipe als Kulturzentrum renoviert. Regelmäßig gibt es dort kleine Konzerte und Theatervorstellungen.

Temelin an der Moldau (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Temelin an der Moldau: Ein ruhiges Städtchen mit einem großen Sponsor. ]
Gastwirt Josef Strubinsky ist dankbar für die Finanzspritze: "Das Kraftwerk bedeutet Arbeit für uns. Die Leute kommen zum Essen oder auf ein Bier vorbei. Das Atomkraftwerk ernährt also unsere Kneipe. Wir könnten sonst hier nicht existieren. Sie werden niemanden in Temelin finden, der das anders sieht."

An den Holztischen sitzen Arbeiter in blauen Overalls. Jeden Mittag gibt es zwei Gerichte zur Auswahl. Auch Petr und Martin sind Stammgäste. Sie sind in Temelin geboren und stolz auf ihr Atomkraftwerk: "Das ist für uns eine ganz wichtige Sache", sagen sie. "Das AKW gibt unserem Dorf jedes Jahr viel Geld für die Erneuerung der Straßen, der Gasleitungen oder der Sportplätze. Außerdem veranstalten sie für uns einmal im Jahr ein großes Fest."

Audio: AKW Temelin und die blühenden Landschaften

AudioStefan Heinlein, DLR/DLF-Hörfunkstudio Prag 29.01.2012 13:31 | 6'22
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AKW-Betreiber: "Wir wollen ein guter Nachbar sein"

Umgerechnet gut vier Millionen Euro jährlich investiert der halbstaatliche Energiekonzern CEZ in den Ausbau der Infrastruktur im gesamten südböhmischen Kreis, erklärt Temelin-Sprecher Marek Svitak. Man wolle ein guter Nachbar für die örtliche Bevölkerung sein. "Unser Kraftwerk ist hier schon seit fast zehn Jahren in Betrieb und wir wollen noch lange Zeit bleiben", sagt er. "Wir informieren nicht nur ganz offen über alles, was in unserem AKW passiert, sondern wir arbeiten mit den Städten und Gemeinden eng zusammen. Wir renovieren Häuser oder die kaputte Kanalisation und finanzieren auch viele Kultur- und Sportprojekte."

Auf der Sportanlage des Dorfes trainiert am Nachmittag eine Fußballmannschaft. Ein neuer Rasenplatz mit überdachter Tribüne ist dort in den letzten Monaten entstanden. Mit dem neuen Schmuckstück hofft Miloslav Beranek, der Vorsitzende von Slavoj Temelin, auf einen weiteren sportlichen Aufschwung seines Vereins: "Von CEZ haben wir ein riesiges Geschenk bekommen: Unser wunderschönes Fußballstadion ist der Stolz des ganzen Ortes Temelin. Wir sind unserem großen Sponsor wirklich dankbar. Das ist eine Riesenhilfe für uns."

Das Atomkraftwerk Temelin in Tschechien (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Das Atomkraftwerk Temelin in Tschechien soll ausgebaut werden. Zwei neue Reaktoren sind geplant. ]

Unterstützung für Jung und Alt

Auch Vaclav Götz ist begeistert. Gerne führt er die Besucher über seine Baustelle. Ein alter Bauernhof wird hier zu einer Seniorenwohnanlage umgebaut. 24 alte Menschen sollen nach der Fertigstellung dort wohnen. In einem Raum stehen bereits Tische, Sofas und ein Fernseher, daneben ein bunt gemaltes Zimmer. "Unser Klub ist schon geöffnet", erkärt Götz. "Hier sind Computer und ein Kicker für die älteren Kinder und dort ist die Spielecke für die Kleinsten. Das ist ein Treffpunkt für Jung und Alt. Das Geld für das Projekt kommt zum größten Teil vom AKW Temelin. Es kümmert sich sehr gut um unsere Bürger, von den Kleinsten bis zu den Ältesten."

"Jaderka" - auf deutsch: "Kernkraftwerkchen": So lautet der liebevolle Kosename des AKW bei den Menschen in Temelin. Seit fünf Jahren ist Petr Machacek der Bürgermeister. Sein Rathaus ist frisch renoviert, auf dem Vorplatz befindet sich ein kleiner Teich mit Brücken und Tropenholzbänken. Der Höhepunkt seiner Amtszeit war eine von CEZ finanzierte USA-Reise. Auch dort glaube man - anders als in Deutschland - an die Zukunft der Atomenergie. Der geplante Ausbau von Temelin sei eine Riesenchance, meint Machacek: "Das AKW hat bei uns die besten Bedingungen. Es wäre dumm, diese zwei neuen Reaktoren nicht zu bauen. Das bringt viele Jobs und es kommen neue Leute und das ist sehr wichtig für unsere Region."

Noch sind derzeit nur 15 Dorfbewohner unmittelbar beim AKW beschäftigt. Aber schon jetzt baue man Häuser für die möglichen Neuankömmlinge, sagt Machacek. Bis zu 4000 Jobs sollen entstehen. Die Grundstücke in Temelin seien deshalb schon jetzt begehrt. Niemand habe Angst vor der Atomkraft. Daran habe auch die Katastrophe von Fukushima nichts geändert. Es sei viel schlimmer, neben einem Kohlekrafwerk zu wohnen.

Reportage aus dem Atomkraftwerk:

Mitarbeiter des Atomkraftwerks Temelin vor Anzeigetafeln (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
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Umweltschützer: "Der Konzern kauft die Sympathien"

Für Edvard Sequens von der Umweltschutzorganisation Kala sind diese Argumente nicht neu: "Die langjährige Propaganda der Kernindustrie wird von den Politikern und vielen Medien einfach wiederholt. Sie reden über Strommangel obwohl Tschechien einer der größten Stromexporteure ist und fordern den Bau neuer Reaktoren. Die meisten Tschechen glauben das und sie sind überzeugt: Atomkraft ist die beste und sauberste Energiequelle."

Das Atomkraftwerk Temelin in Tschechien (Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der Traum von Temelin: Blühende Landschaften dank Atomkraftwerk. ]
Dem Millionenengagement von CEZ haben die Umweltschützer nur wenig entgegen zu setzen. Ihr Protest wird von den meisten Menschen mit Schulterzucken registriert und von den Medien weitgehend ignoriert: "CEZ kauft sich die Sympathien. Es fließen jedes Jahr hunderte Millionen Kronen in die Region Südböhmen. Geld, das die Städte und Gemeinden sonst nie erhalten würden. Die Zustimmung der Menschen zur Atomkraft wird ganz einfach mit Geld bezahlt", klagt Sequens.

Der Traum von den blühenden Landschaften in Südböhmen geht also weiter. Die wenigen Umweltschützer in Tschechien hoffen allerdings, dass die schwierige Finanzierung den AKW-Ausbau stoppen könnte. 2013 fällt die Entscheidung über den Bau der beiden zusätzlichen Reaktoren.

Stand: 29.01.2012 11:45 Uhr
 

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